Etica e letteratura

Pietas


Schon in der griechischen und römischen Klassik hat die Literatur sich selbst als einen Raum gesehen, dem die Fähigkeit innewohnt, Erinnerung an Personen und Ereignisse zu bewahren, die sonst der Vergessenheit anheimfallen würden: etwa der geliebte Mensch bei Sappho und bei Theognis oder die Thermopylenkämpfer bei Simonides von Keos. Diese Gedächtnisfunktion wurde zu einem konsolidierten topos, auf die Foscolo in seinen Sepolcri in voller Absicht zurückkam. Dieselbe  Funktion  inspiriert übrigens auch eine berühmte Stelle im Zibaldone, die für die Definition der Poetik Leopardis von zentraler Bedeutung ist. Darin wird der spezifische Gegenstand der Dichtung nicht als gegenwärtig gesehen, sondern als etwas, das räumlich und zeitlich in der Ferne liegt und daher im barmherzigen Licht der Erinnerung erfasst und bewahrt werden muss. In eben diesem Sinn ist für Leopardi Erinnerung oder Gedenken, die Aufmerksamkeit für etwas, das "nicht mehr ist", da es fern, vergangen und verloren ist, ein «wesentliches und überwiegendes» Element des «poetischen Gefühls»:

 

«Ein beliebiger Gegenstand, beispielsweise ein Ort, eine Stätte, eine Landschaft, so schön sie auch sein mögen, sind eben nicht als poetisch anzusehen, wenn sie nicht irgendeine Erinnerung wecken. Die nämliche und auch eine Stätte, ein beliebiger Gegenstand, die in sich völlig unpoetisch sind, werden dann aber in der Erinnerung durchaus  poetisch. Erinnerung ist im poetischen Gefühl ganz wesentlich und überwiegend, einfach deshalb, weil das Gegenwärtige, was immer es sein mag, gar nicht poetisch sein kann; und das Poetische findet sich auf die eine oder andere Weise immer in der Ferne, im Verschwommenen, Ungefähren».[1]

      

Wie ersichtlich, kann das Gegenwärtige für Leopardi gar nicht poetisch sein, weil nur das Vergangene poetisch ist: aber das Vergangene ist eben deshalb poetisch, weil es die spezifische Aufgabe der Dichtung ist, das Vergangene, Vergehende, Vergängliche – das was war und nicht mehr ist – im erhaltenden Licht der Erinnerung zu bewahren.

 

Um auf die Philosophie zurückzukommen, so ist das Vorhaben, dasjenige im Gedächtnis zu bewahren, was andernfalls verlorenginge, ein zentrales Thema der Betrachtung W. Benjamins, der seinen Blick auf eine messianische Zeit richtet, die außerhalb der Geschichte liegt und in der alles Vergangene gerettet und erlöst wird, ohne zwischen großen und kleinen Ereignissen zu unterscheiden. Im Werk Benjamins wird diese bewahrende Aufgabe jeweils unterschiedlichen Begriffen anvertraut. In Die Aufgabe des Übersetzers (1923) ist das, was bewahrt wird, eine sprachliche Funktion («Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des Übersetzers»);[2] aber schon in Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928) werden durch die Allegorie in der Erinnerung des Lesers Dinge, Personen und konkrete Ereignisse bewahrt («Ist doch die Einsicht ins Vergängliche der Dinge und jene Sorge, sie ins Ewige zu retten, im Allegorischen eins der stärksten Motive»).[3] Die gleiche bewahrende Aufgabe ist im Passagen-Werk dem Bild (oder dem dialektischen Bild) anvertraut und in den Thesen Über den Begriff der Geschichte (1940) dem Zitat. Wie man sieht, verweisen alle von Benjamin benutzten Begriffe, um diesen Rettungshorizont zu bestimmen («reine Sprache», Allegorie, Bild, Zitat), direkt in die literarische Sphäre: um die Tatsache zu bestätigen, dass einer der wesentlichsten Züge der Literatur eben derjenige ist, im Gedächtnis des Lesers das zu bewahren, was zerbrechlich, vergehend, marginal und dazu bestimmt ist, für immer zu verschwinden.

 

Diese Funktion der Literatur erscheint auch an einer zentralen Stelle in Wahrheit und Methode von Gadamer, wo er eingehend untersucht, was bei der Begegnung mit einem Kunstwerk geschieht. Der Anfang dieser Stelle klärt die Tatsache, dass das Kunstwerk eine Form der Erkenntnis sei, ein Zugang zur tiefsten Wahrheit der Dinge; am Ende stellt Gadamer aber auch fest, dass die künstlerische und literarische Erkenntnis ihre eigenen Gegenstände vor Verwirrung, Variabilität und Dispersion bewahrt, wovon sie überflutet sind. Sie werden vor dem im wesentlichen nur Kontakt erhaltenden Charakter der täglichen Mitteilungen bewahrt, und mit  pietas dem Gedächtnis des Lesers anvertraut.

 

«Was man eigentlich an einem Kunstwerk erfährt und worauf man gerichtet ist, ist vielmehr, wie wahr es ist, d.h. wie sehr man etwas und sich selbst darin erkennt und wiedererkennt. Was Wiedererkenntnis ihrem tiefsten Wesen nach ist, wird aber nicht verstanden, wenn man nur darauf sieht, daß da etwas, was man schon kennt, von neuem erkannt wird, d.h. daß das Bekannte wiedererkannt wird. Die Freude des Wiedererkennens ist vielmehr die, daß mehr erkannt wird als nur das Bekannte. In der Wiedererkenntnis tritt das, was wir kennen, gleichsam wie durch eine Erleuchtung aus aller Zufälligkeit und Variabilität der Umstände, die es bedingen, heraus und wird in seinem Wesen erfaßt».[4]

 

Die pietas – begriffen als mitfühlende Aufmerksamkeit gegenüber allem,  was sterblich, zerbrechlich und vergänglich ist – steht auch im Mittelpunkt von Gianni Vattimos "schwache Ontologie"; für Vattimo ist pietas eben jener «andere Ausdruck, der zusammen mit An-denken und Verwindung übernommen werden kann, um den schwachen Gedanken der Ultrametaphysik zu kennzeichnen».[5] Nach Heidegger kann man vom Sein kein volles Be-greifen haben, sondern lediglich Gedenken, Spuren, Erinnerungen; Sterblichkeit und Vergänglichkeit sind also keine dem endlichen Dasein vorbehaltenen Züge, sondern betreffen auch das Sein. Folgerichtig kann sich jede Erfahrung der Welt nur im Zeichen der Sterblichkeit vollziehen und das spätmoderne Subjekt ist nach Vattimo aufgerufen, ihr mit der pietas zu begegnen, «die den Spuren dessen gebührt, was gelebt hat».[6] Spezifischer Ort dieser pietas ist das literarische Werk, das verstanden werden kann als schwaches Denkmal, als etwas «Leises, Geringes»,[7] dessen zeitliche Wesenheit nichts anderes ist als die des Seins selbst: anders gesagt, ist ein Akt des Zeugnisses und der Erhaltung eines transitorischen, marginalen und zusammenhanglosen quid, das sich in der Zeit verlieren würde, wovon aber der Text Kunde und Erinnerung bewahrt.

 

Das literarische Werk ist demnach ethisch, weil es im Gedächtnis des Lesers das bewahrt, was dazu bestimmt ist, verloren zu gehen: insbesondere das, was niedrig, alltäglich und anscheinend irrelevant ist, wie meistens die in Romanen, Erzählungen und Gedichten beschriebenen Gegenstände. In ihrer bewahrenden Obhut bietet die Literatur ein ziemlich andersgeartetes Modell als das von der Marktwirtschaft offerierte. Diese arbeitet durch einen immer schnelleren Austausch aller Güter, die verbraucht und sofort durch andere ersetzt werden müssen. Aber diese ständige Verkürzung im Lebenszyklus der Produkte, die notwendig ist, um den Konsum aufrechtzuerhalten, impliziert in Wahrheit, dass die einzelnen Dinge (oder Personen) keine wirkliche Bedeutung haben, da sie ja alsbald wieder gegen andere eingetauscht werden: das, was zählt, ist der Gesamtprozess. Die Literatur hingegen blickt mit Zuneigung und Aufmerksamkeit auf alles, so marginal, unbeträchtlich, unproduktiv oder irrelevant es auch sein mag,  hält es für bewahrenswert und zeigt somit, dass es möglich ist, sich der Logik des Marktes und ihrer Anwendung auf die ganze reale Welt zu entziehen.



[1] Giacomo Leopardi, Zibaldone di pensieri, a cura di Anna Maria Moroni, Mondadori, Milano 1983, II, S. 1166 [4426].

[2] Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, in Gesammelte Schriften, Bd. IV/1, hrsg. von Tillman Rexroth, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1991, S. 19.

[3] Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, in Gesammelte Schriften, Bd. I/1, hrsg. von Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1991, S. 397.

[4] Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Mohr, Tübingen 1960, S. 109.

[5] Gianni Vattimo, Dialettica, differenza, pensiero debole, in Aa. Vv., Il pensiero debole, a cura di Gianni Vattimo e Pier Aldo Rovatti, Feltrinelli, Milano 1983, S. 22.

[6] Ebenda.

[7] Ebd., S. 28.